Dillinger Start-up setzt Maßstäbe beim Altreifenrecycling

 

Die wirklich guten Erfindungen verbindet, dass sie fast selbstverständlich erscheinen. „Darauf hätte man längst kommen können.“ Im Fall von Altreifen war es ein Gebot der Stunde. Allein in der EU fallen pro Jahr rund 3,4 Millionen Tonnen Altreifen an. Weltweit sind es 13,5 Millionen Tonnen jährlich. Tendenz steigend. Dem Start-up-Unternehmen Pyrum Innovations in Dillingen/Saar ist es erstmals gelungen, mittels kontrollierter Thermolyse Altreifen emissionsfrei in ihre wertvollen Rohstoffe Öl, Koks und Gas zurückzuführen. Ein bahnbrechendes Verfahren, nicht nur für die Abfallwirtschaft. Während Öl und Koks verkauft werden, wird das gewonnene Gas zum Betrieb des eigenen Blockheizkraftwerkes genutzt. Ein echtes Kreislaufsystem also, in dem Rohstoffe zirkulieren, zurückgewonnen und dem Wirtschaftskreislauf wieder zugeführt werden.

Die Frage, wie sich Altreifen umweltgerecht entsorgen lassen, ist nicht neu und so mancher Versuch entpuppte sich in den vergangenen vier Jahrzehnten als ökologischer Irrweg. So schufen US-Wissenschaftler vor der Küste Fort Lauderdales künstliche Riffe aus Altreifen. Ein Modell, das seinerzeit international große Beachtung und schnell Nachahmer fand. Rund zwei Millionen ausgediente Fahrzeugreifen wurden für das Gummiriff in den Atlantischen Ozean gekippt.
Was folgte, war ernüchternd: Pflanzen und Fische siedelten sich kaum an. Dafür trieben lose Reifen durchs Meer, das Salzwasser wusch Schadstoffe aus, intakte Korallenriffe wurden beschädigt. Seit 2007 ist nun das Militär beauftragt, im Rahmen von Übungseinsätzen die Altreifen zu bergen. Ein Unterfangen, das nicht nur aufwändig und teuer ist, sondern erneut die Frage aufwirft: Wohin mit den alten Pneus? Schätzungen zufolge liegen noch heute ca. 700.000 Altreifen auf dem Meeresgrund, allein vor der Küste Fort Lauderdales.

Pyrolyse - eines der ältesten vom Menschen genutzten chemischen Verfahren

Seit über 5.000 Jahren setzt der Mensch Pyrolyse-Verfahren ein, um beispielsweise Holzkohle herzustellen oder Wertstoffe umzuwandeln. Auch die Verwertung von Altreifen mittels Pyrolyse ist ein vielfach erprobtes Verfahren. Es scheiterte jedoch bislang an dem zu hohen Energiebedarf und unzureichenden Ergebnissen.
Für Klaus-Peter Schulz ein guter Grund, einen völlig neuen Reaktor zu entwickeln. Der Ingenieur aus dem Badischen verfügt über langjährige Berufserfahrung in der Verfahrenstechnik und sucht Mitstreiter für den Bau des Reaktors nach eigenen Plänen. 2006 lernt er die Studenten Pascal Klein, Julien Dossmann und Michael Kapf kennen. Gemeinsam gründen sie ein Jahr später die Pyrum Innovations und setzen Schulz' Idee in die Tat um. Schulz übernimmt als Gesellschafter bis zum Renteneintritt 2017 die technische Leitung.


In der Messwarte der Industrieanlage findet die gesamte Überwachung und
Steuerung der Anlage statt.

Wertstoffe zurückgewinnen: das Pyrolyse-Verfahren der Pyrum Innovations

„In dem neu konstruierten Reaktor werden die granulierten Gummireifen bei deutlich niedrigeren Temperaturen vollständig umgewandelt“, erläutert Pascal Klein. Das Granulat durchfließt den senkrechten Reaktor und zerfällt in einem 90 Minuten andauernden Prozess unter Sauerstoffabschluss zu Dampf und Koks. Das Pyrolyse-Verfahren emittiert dabei kein CO2, es entstehen weder Gerüche noch hörbarer Lärm.
Aus dem Dampf wird in zwei Kondensationsstufen das Hauptprodukt – Rohöl – gewonnen. Nach Destillation und Filterung ist das Öl von so hoher Qualität, dass es nur eines weiteren Prozessschrittes (das sogenannte cracken) bedarf, um Diesel, Benzin und Naphta herzustellen.


Das Granulatsilo der Industrieanlage mit einem Gesamtvolumen von 10 m³ dient als
Pufferbehälter des Pyrolyse-Reaktors und sichert die kontinuierliche Rohstoffversorgung.

Der gewonnene Koks ist frei von Öl- oder Gummirückständen. Dank seines hohen Kohlenstoffgehalts von ca. 90 Prozent eignet er sich zur Herstellung von Aktivkohle oder fließt als Füllstoff für neue Gummireifen zurück in den Produktionsprozess. Schlussendlich bleibt im Verfahren etwa 12 Prozent energiereiches Gas übrig, mit dem das eigene Blockheizkraftwerk betrieben wird. Fremdenergie, erläutert CEO Klein, wird allenfalls benötigt, um die Anlage hochzufahren. Unterm Strich versorgt sich die Anlage selbst und speist Überkapazitäten an Energie und Wärme ins öffentliche Netz ein.
25 Meter hoch ragt der Reaktor-Turm über das schmale Gelände der Pyrum Innovations im Dillinger Industriegebiet Nord. Seit Mitte 2015 läuft die Großanlage im Testbetrieb, unterbrochen von einzelnen Phasen zu Analyse- und Optimierungszwecken.
Ungefähr eine Tonne Gummigranulat (750 kg/h bei Volllast) verarbeitet der Reaktor pro Stunde zu Rohöl, Koks und Gas – 5.000 Tonnen sind es pro Jahr. Der Herstellungspreis eines Liters Öl liegt bei ungefähr 10 Cent.

Hier lesen Sie den vollständigen Artikel