Kinder und Demokratie

 

Vor etwa zwölf Jahren wurden in allen Bundesländern Bildungsprogramme für den Elementarbereich eingeführt. Seitdem setzen sich Kinder in Kindertageseinrichtungen zunehmend beispielsweise mit Naturwissenschaft und Mathematik sowie Sprache auseinander. Genauso wie im Bildungsprogramm für saarländische Kindergärten wird in allen Bildungsprogrammen – direkt oder indirekt – auch Demokratiekompetenz als Ziel formuliert. Normen, Wertevermittlung und Toleranz werden als Bildungsaufgabe fokussiert. Diese Ausrichtung ist für Wissenschaft, Politik, Eltern und pädagogische Fachkräfte eine notwendige und selbstverständliche Reaktion auf den gesellschaftlichen Wandel.

Seit einigen Jahren beschäftigen sich Medien und Forschung verstärkt mit Demokratie, Solidarität und Fremdenfeindlichkeit und zeigen die Labilität des Demokratieverständnisses von einzelnen Bürgern auf. Alle Ergebnisse zeigen, dass Kindertagesstätten sich mit Phänomenen von Ausgrenzung und Exklusion verstärkt auseinandersetzen müssen und sollten: Kindertagesstätten sind kein isolierter Ort, sie spiegeln auch immer Gesellschaft wider. So ist es nicht verwunderlich, dass Studien zeigen, dass Kinder bereits zum Zeitpunkt der Einschulung Einstellungen und Wissen zur Demokratie besitzen.

Um die Perspektive von Kindern zu berücksichtigen, hat die Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes das Forschungsprojekt „Kinder und Demokratie“ von Frau Professor Iris Ruppin gefördert. Untersucht wurden Einstellungen und Wissen von fünf- und sechsjährigen Kindergartenkindern zu den Themen Freiheit, Solidarität und Partizipation. Hierzu wurden in zehn Kindertagesstätten 54 Kinder befragt.

Zentral waren hierbei erstens Fragen der Partizipation und Mitbestimmung in Kindertageseinrichtungen und zweitens Aussagen der Kinder zum Thema Flucht. Generell haben die Ergebnisse gezeigt, dass Freiheit im Sinne von Selbstbestimmung und Solidarität Themen sind, mit denen sich Kinder in Kindertagesstätten auseinandersetzen und zu denen sie Stellung beziehen.

Die Perspektive von Kindern auf „Flucht“

Bedingt durch den Zeitpunkt der Befragung kristallisierte sich im Rahmen der Interviews ein weiteres Thema in den Gesprächen mit den Kindern heraus: Der Zuzug von Geflüchteten, in den Medien als ‚Flüchtlingskrise’ verhandelt. Themen, die in hohem Maße in den Medien präsent sind, nehmen Einfluss auf die Einstellungen und Werteentwicklung von Kindern. Die Thematisierung insbesondere im Fernsehen und die Kommentierungen von Eltern stellen wesentliche Informationsquellen für die Kinder dar. Dieses Wissen wird durch die eigene Erfahrung mit geflüchteten Kindern, die saarländische Kindertagesstätten besuchen, erweitert. Sie erzählen von Kleider- und Spielzeugspenden für Menschen aus Syrien. Das von der überwiegenden Anzahl der Kinder als ein Land identifiziert wird, in dem Krieg herrscht, aus dem Menschen flüchten mussten und dabei das Zurücklassen von Besitz und Häusern auf sich genommen haben, um in Sicherheit zu leben. Der Krieg in Syrien, gemischt mit markanten Aspekten von Kriegsgeschehen allgemein, wird plastisch dargestellt: „Es wird überall rumgeschoss mit Gewehren und Panzern (...), deshalb fliehe se“, da ihr „Land komplett kaputt [ist]“ (Kind). Flüchtlinge werden von den Kindern meist mit ‚armen Menschen‘ gleichgesetzt. „Ähm weil die nix zu spielen, essen und trinken haben. Weil, weil die Oma und de Opa haben mir schommo was von armen Würmern erzählt, die han gar nix“ (Kind). In diesem Zusammenhang äußerte sich die Mehrheit der Kinder mit der Forderung nach Hilfe und Solidarität.

Die Ergebnisse zeigen, dass viele Kinder (naive) Theorien über das politische Geschehen in Deutschland und dem Weltgeschehen formulieren, die mit Fakten bereichert werden.

Kinder setzten sich mit Demokratie auseinander

Die Ergebnisse zeigen außerdem, dass Menschenrechte und Demokratie bereits für Kinder Relevanz haben. Sie machen auch deutlich, welche Verantwortung Erwachsene und Kindertagesstätten haben, wenn es darum geht, Kindern Vorbild zu sein, gesellschaftliche Entwicklungen zu thematisieren und sie auf eine demokratische Gesellschaft vorzubereiten. Ihre Einstellungen und das Eröffnen von Mitbestimmungsrechten haben großen Einfluss. Nur wenn Kinder Demokratie im Kleinen erleben, können sie später „im Großen“ handlungsfähig sein. Wissenschaftler bringen das auf den Punkt: Ein demokratischer Staat hat „nur Bestand, solange er durch seine Bürger immer wieder neu hervorgebracht und erneuert wird. Welche Konzepte, Einstellungen, Identitäten und Handlungsdispositionen die heranwachsende Generation der Bürger in Bezug auf Demokratie und Bürgerschaft entwickelt, ist daher von besonderer Relevanz für die Zukunft von Demokratien“.

Die Forschungsergebnisse werden im Saarland mit dem Projekt „Kita differenzsensibel!“ im Bundesprogramm „Demokratie leben!“ unter Leitung von Andrea Adam aufgegriffen. Inhalte sind Vielfalt und Teilhabe in der frühen Bildung und die Stärkung von Kindern in Kitas in einer demokratischen und vielfältigen Gesellschaft. Es geht um Partizipation und Mitbestimmung und Ansätze in der frühen Bildung, um den pluralen Lebenswelten gerecht zu werden. Teilhabe und Ausgrenzung von Einzelnen oder Gruppen stellen zentrale Themen dar, die Kinder sensibel wahrnehmen und in ihren Einstellungen zu Solidarität, Toleranz und Vielfalt beeinflussen. Angesichts dessen stellt der gesetzlich verankerte Auftrag der Inklusion und die Erfüllung der Kinderrechte in Kindertagesstätten eine ständige Herausforderung dar. Inklusion muss hier verstanden und gelebt werden als Förderung von Vielfalt, Partizipation und Demokratie.

Im Rahmen des Projektes „Kita differenzsensibel!“ werden sechs Kindertagesstätten in ihren Aktivitäten begleitet.

Weitere Informationen: www.kita-differenzsensibel.de