Saarländisches Handwerk und angewandte Wissenschaften: ein gutes und bewährtes Tandem

 

Handwerk und anwendungsorientierte Wissenschaft können sich hervorragend gegenseitig befruchten. Dies erkannten die Handwerkskammer des Saarlandes und die htw saar schon im Jahr 1985, als sie vertraglich eine feste und dauerhafte Zusammenarbeit vereinbarten. Die Kooperation bewährt sich heute noch auf vielfältigen Handlungsfeldern und ist für die Zukunft gerüstet.

Denken Sie beim Stichwort Handwerk zuerst z.B. an den Schuster, der Ihrem liebgewonnenen industriell gefertigten Schuh das Leben verlängert? Ja, das ist immer noch richtig, denn im Handwerk, dem vielfältigsten Wirtschaftszweig Deutschlands, sind Sie gut aufgehoben und es finden sich stets bewährte Lösungen. Aber das ist nur eine Facette des Handwerks im 21. Jahrhundert. Immer mehr treten Innovation und Technologie neben traditionelle Fertigung und Dienstleistung. Aktuelle Themen wie Digitalisierung stehen nicht nur auf der Agenda der Industrie, sondern ebenso auf der des Handwerks. Dies gilt auch für das saarländische Handwerk mit seinen rund 12.000 Betrieben, die mit 64.000 Beschäftigten einen Umsatz von fast 6 Milliarden Euro erwirtschaften und in Größe und Technologisierungsgrad mit vielen mittelständischen Industrieunternehmen gleichziehen.

Im Jahr 1985 begannen die Handwerkskammer und die htw saar mit dem Bau ihrer Brücke zwischen anwendungsorientierter Wissenschaft und Handwerksunternehmen, die nachhaltig den Wissens- und Technologietransfers in beide Richtungen bereiten sollte. Der vertraglich bestimmte Zweck der rasch von gegenseitigem Vertrauen geprägten Zusammenarbeit ist über die Jahre stets aktuell geblieben: „Dadurch sollen die Anpassungs- und Leistungsfähigkeit des saarländischen Handwerks verbessert, Arbeits- und Ausbildungsplätze gesichert bzw. geschaffen und ein Beitrag zur Verbesserung der Wirtschaftsstruktur im Saarland geleistet werden.“➀

Die Kooperationsfelder sind, im Lauf der Jahre mal mehr oder weniger im Fokus, wie folgt zu benennen:


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Von Anfang an bilden gegenseitige Unterstützung in beruflicher Weiterbildung und Hochschullehre sowie gegenseitige Bereitstellung von Ausbildungs- und Lehrressourcen eine Säule der Zusammenarbeit. Viele Hochschuldozenten transferieren seit über 30 Jahren Lehrinhalte in das Weiterbildungsangebot der Handwerkskammer. Aktuell unterrichten Dozententeams der htw saar die Fächer „Volkswirtschaftslehre“, „Marketing“ und „Personalwesen“ im eineinhalbjährigen berufsbegleitenden Lehrgang „Geprüfter Betriebswirt (HwO)“. Umgekehrt bringt Albert Eberhardt, langjähriger Geschäftsführer der Handwerkskammer, auch über seine aktive Zeit hinaus sein Know-how aus der Beratung zur Unternehmensnachfolge im Handwerk in ein Hochschulseminar ein. Nicht immer haben Studierende die Perspektive, die eine berufliche Selbständigkeit bietet, im Blick. Daher bietet die htw saar neben Beratung und Lehrveranstaltungen zur Existenzgründung im Wege eines Start-ups seit Jahren das Seminar „Unternehmensnachfolge“ an. In praxisnaher Lehre werden die Studierenden zum Schritt in die Selbständigkeit ermuntert. Schließlich stehen im Saarland in den nächsten fünf Jahren rund 7.000 KMU, davon 2.000 im Handwerk, zur Übernahme an. Im saarländischen Handwerk ist rund ein Drittel der Betriebsinhaber älter als 55 Jahre. Dutzende von Studierenden haben in Handwerksunternehmen in ihren Abschlussarbeiten unternehmensrelevante Fragestellungen bearbeitet. Mit der Umstellung auf Bachelor und Master sind solche Unternehmensprojekte leider zurückgegangen, aber immer noch stellen Handwerksunternehmen Plätze für die Praktische Studienphase zur Verfügung.


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Die Durchlässigkeit des Bildungssystems ist ein weiteres Thema der Zusammenarbeit. Im Oktober 2013 starteten die beiden Partner das Pilotprojekt des berufsbegleitenden Bachelorstudiengangs „Handwerksmanagement“ zur Qualifizierung von Handwerksunternehmern und Fach- und Führungskräften in moderner Unternehmensführung. Der Studiengang bezweckt auch, die Marktpräsenz des Handwerks zu sichern. Neben allen Disziplinen der modernen Betriebswirtschaft werden handwerksspezifische Inhalte vermittelt und kontinuierlich Unternehmensprojekte durchgeführt. David Mischo, in vierter Generation in der Leitung der im südlichen Saarland operierenden Bäckerei Mischo, fasst sein Studium so zusammen: „Das berufsbegleitende Studium war für mich eine tolle Möglichkeit, die erlernten Inhalte sofort im täglichen Berufsleben umzusetzen und anzuwenden. Meine Fachkenntnisse konnte ich im Studiengang nochmals deutlich vertiefen.“ Die Studiendauer von sieben Semestern und die Studiengebühren, die das Land in berufsbegleitenden Studiengängen zu erheben verpflichtet, haben nicht zu einer Nachfrage geführt, die die Fortsetzung des Studiengangs ermöglichte.


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Manch Studierender zweifelt, ob ein Hochschulstudium für ihn der richtige Weg zur Vorbereitung auf das Berufsleben ist. Hier setzen gemeinsame Bemühungen an, attraktive Alternativen aus der beruflichen Aus- und Weiterbildung bereitzustellen, bei denen an der Hochschule erworbenes Wissen angerechnet und die Ausbildungszeit verkürzt werden kann. Unter Mitwirkung der htw saar legte die Handwerkskammer das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Programm „Vom Hörsaal zum Handwerk!“ auf.


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Gegenseitiger Expertenrat wird geschätzt, und die Mitwirkung in Gremien zeugt vom Vertrauen in den je anderen Partner. So beraten Vertreter der Handwerkskammer im Forschungsbeirat der htw saar und im FITT mit, so unterstützte umgekehrt Prof. Dr. Wolfgang Appel bei der Implementierung des Führungsinstruments „Mitarbeitergespräch“ in der Handwerkskammer und so fungieren schließlich Professoren als Jurymitglieder im von der Sparkassen-Finanzgruppe dotierten Wettbewerb „Förderpreis für innovatives und kreatives Handwerk“.


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Eine Vielzahl gemeinsamer konkreter Projekte aus verschiedenen Fachgebieten der htw saar und in verschiedenen Handwerkszweigen veranschaulicht, wie immer wieder sehr tief kooperiert wird. Dazu zählen➁:

  • die Entwicklung einer später vielfach nachgeahmten „Handwerksbörse“ im Internet (Federführung Prof. Dr. Klaus Huckert, gefördert vom Ministerium für Wirtschaft und Wissenschaft);
  • die Entwicklung der selbstlernenden und trainierbaren Internetsuchmaschine „Handwerkerinformationsportal (HIP)“ (u.a. Prof. Dr. Klaus-Jürgen Schmidt);
  • die Untersuchung zur „Elektromagnetischen Verträglichkeit von Geräten“ (Federführung Prof. Dr. Wolfgang Langguth) mit dem Ergebnis, dass die Handwerkskammer des Saarlandes als einzige deutsche Kammer zur Stellungnahme zur Umsetzung der entsprechenden EU-Richtlinie in das deutsche Rechtssystem aufgefordert wurde;
  • die aus einem gemeinsamen Projekt zur Gebäudesicherheitstechnik entspringende Fachtagung „Innovative Technologien der Gebäudesicherheit“;
  • die Forschung zum „Produktionsmanagement für klein- und mittelständische Baubetriebe“ (Prof. Dr. Peter Böttcher, gefördert durch das Bundesministerium für Forschung und Technologie).

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Die Handwerkskammer schätzt das von Präsident Prof. Dr. Wolrad Rommel ins Leben gerufene „Zentrum Mittelstand Saar (ZMS)“ als Türöffner und Lotse zur htw saar. Eines der ersten Mitglieder des ZMS ist die Handwerkskammer, denn, so Hauptgeschäftsführer Dr. Arnd Klein-Zirbes: „Die Schaffung einer einheitlichen Struktur für die Ansprache der Potenziale in der HTW wird es uns – und mit uns unseren Unternehmen – erlauben, effizienter Problemstellungen und Lösungsansätze zusammenzubringen.“ In den letzten Jahren der Kooperation stand der betriebswirtschaftliche Bereich mehr im Vordergrund. Die vom ZMS gebotene kollaborative Plattform wird künftig vermehrt aber auch die anderen Hochschuldisziplinen in konkrete Projekte einbinden.

Gegenseitige Förderung seit über 30 Jahren, dafür steht der Schulterschluss der beiden saarländischen Institutionen. Bernd Wegner MdL, der Präsident der Handwerkskammer, fasst dies so zusammen: „Der organisierte Wissensaustausch zwischen Handwerk und Hochschule stellt sicher, dass wissenschaftliches Arbeiten auf hohem Niveau und gleichzeitig mit Realitätsbezug stattfindet. Gleichzeitig erhält unser Wirtschaftsbereich wertvolle Impulse aus den Fachgebieten der htw.“

 

➀ - Kooperations-Vereinbarung vom 1.3.1985.

➁ - Auch aus Sicht der Handwerkskammer sind dies Vorzeigeprojekte (Handwerkskammerpräsident Hans-Alois Kirf anlässlich der Festveranstaltung zum 25-jährigen Jubiläum der Kooperation am 1.3.2010).